Vielleicht überrascht dich die Zahl an Frauen, die Schmerzen beim Sexualverkehr haben. Eine Hamburger Studie hat 2020 im Deutschen Ärzteblatt Ergebnisse zur Befragung von 4.955 Männern und Frauen veröffentlicht. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass 21 % der Frauen Schmerzen empfanden, also etwa jede Fünfte. Davon litt jede Zweite Betroffene darunter. Ähnliche Zahlen hat eine Studie aus den USA für 18 bis 49-jährige Frauen gefunden: 24,3 % berichten von Schmerzen (382 Frauen). Außerdem wurden die Frauen gefragt, wie stark der Schmerz ist und wie lange er andauert. Wobei Schmerz sehr subjektiv und schwer zu vergleichen ist… 81,6 % meinten, er wäre eher mild und 2,0 % empfanden ihn als extrem. Für den Großteil der Befragten dauerte er unter 5 Minuten an, bei 6 % über eine Stunde. Weitere Zahlen findest du in der Abbildung und Einflussfaktoren von Schmerzen beim Sexualverkehr bei der Deutschen Schmerzgesellschaft.

Schmerzintensität, -dauer und Kommunikation mit Sex-Partner:innen

Wieso sprechen so viele Frauen nicht über Schmerzen beim Sexualverkehr?

Interessant ist, dass 189 Frauen (49,0 %) weiter Sex haben und nicht mit ihren Sex-Partner:innen darüber sprechen. Die Motive hat die US-Studie ebenfalls untersucht und vier Muster identifiziert:

  1. 30 % fanden Schmerzen beim Sex normal: „Das war nichts ungewöhnliches.“„Es war nur, weil ich trocken und nicht erregt war – keine große Sache.“
  2. 24 % meinten der Schmerz sei unwichtig: „Weil es nicht lange gedauert hat.“ „Der Schmerz reichte nicht aus, um ‚Autsch‘ zu schreien.“
  3. 14 % haben die Bedürfnisse der Partner:innen priorisiert: „Ich glaubte, dass der Sex für ihn dann weniger Spaß machen würde.“ „Ich dachte mir, dass es schnell gehen würde.“
  4. 15 % unterlagen mittlerweile antiken Gender-Normen: „Weil ich mich nicht beschweren wollte.“ „Ich wollte die Stimmung nicht ruinieren.“

Nicht zu vergessen: Es gibt viele Menschen, die Schmerzen beim Sexualverkehr stimulierend finden. Schließlich liegen Schmerz- und Lustzentrum im Gehirn eng beieinander und die BDSM-Szene boomt. In dieser Studie berichten dies jedoch nur 8 Frauen, was höchstwahrscheinlich unterschätzt ist. Leider ist dies immer noch ein Thema mit viel Scham und Stigmatisierung.

Die Pro & Contra-Seite: Sag ich es oder sag ich es nicht?

Einige Frauen haben Hemmungen über die sexuellen Probleme zu sprechen. Viele befürchten die negativen Auswirkungen, wenn sie den schmerzhaften Sex abbrechen. Beispielsweise können Partner:innen wütend bzw. enttäuscht sein oder frau empfindet sich als unnormal bzw. wird als schwierig betitelt. Aber es gibt ebenfalls negative Auswirkungen, wenn Sex trotz Schmerzen durchgezogen wird: Einige Frauen erleben ein geringeres Selbstwertgefühl, Frust oder abnehmende Verbundenheit mit den Partner:innen. Daher tut es gut, sich auf das Gespräch einzulassen.

Was tun gegen Schmerzen beim Sexualverkehr?

Die Lösung ist wieder einmal zu reden, reden, reden… Denn Frauen, die offen über schmerzhaften Sex sprechen, haben danach öfters weniger Schmerzen und sogar eine stärkere Beziehung zu ihren Partner:innen. Schließlich haben sie so die Möglichkeit die Schmerzerfahrung aus einer anderen Perspektive zu verstehen und ihr Verhalten anzupassen. Das Gespräch kann außerdem helfen, Vertrauen und Intimität aufzubauen. Genauso wie Lust nicht immer körperlich ist, kann das Erleben von Schmerz davon beeinflusst werden, wie sehr Frauen ihre:n Partner:in als aufmerksam, kommunikativ und liebevoll erleben.

Darüber hinaus können neue Positionen ausprobiert werden, die nicht schmerzen. Je nachdem, wo der Schmerz entsteht (oft durch Penetration), ist z.B. Anal- oder Oralsex eine gute Alternative. Zusätzlich können Toys benutzt werden, die aufgrund ihrer Form und guten Handhabung womöglich keine Schmerzen verursachen. Manchmal ist Trockenheit ein Problem. Für das feuchte Vergnügen gibt es geeignete Cremes. Oder ihr wechselt die Gleitcreme und testet verschiedene aus. Dauern die Schmerzen beim Sexualverkehr jedoch an, empfiehlt sich ein Besuch bei Gynäkolog:innen. Denn bestimmte Schmerzen können bzw. müssen durch Medikamente behandelt werden.

Das Ansprechen der Schmerzen kann frau also konstruktiv nutzen, um alte, nicht mehr funktionierende Sex-Drehbücher aus dem Bett zu verbannen. Ersetzt werden sie durch neue, lustvollere Verhaltensweisen. Gerne kannst du dich dazu coachen lassen, um die richtigen Worte zu finden.

Quelle: Carter, A., Ford, J. V., Luetke, M., Fu, T., Townes, A., Hensel, D. J., Dodge, B., & Herbenick, D. (2019). “Fulfilling His Needs, Not Mine”: Reasons for Not Talking About Painful Sex and Associations with Lack of Pleasure in a Nationally Representative Sample of Women in the United States. The Journal of Sexual Medicine, 16(12), 1953–1965. doi:10.1016/j.jsxm.2019.08.016